1 · Exoten aus drei Sektoren
Nia war von dem Durcheinander auf der Straße überwältigt. Menschen liefen scheinbar chaotisch in alle Richtungen. Händler entlang der Häuserzeilen priesen lautstark ihre Waren an. Der Krach tat ihr in den Ohren weh.
Eine ältere Frau zog eine Schwebepalette voller Kisten den ansteigenden Weg hinauf. Zwei Männer, die sich angeregt unterhielten, standen im Weg. Sie fluchte. Erschrocken machten sie Platz. Knurrend zerrte sie ihre Last weiter nach oben.
Es roch unangenehm nach verfaultem Müll. Doch das war Nia egal. Sie genoss die ersten Eindrücke von Skiltho – niemals zuvor war sie auf diesem Planeten gewesen.
Vor zwei Stunden war der Wanderjahrmarkt etwas außerhalb der Hauptstadt Malitor in einer Steppe gelandet. Skiltho hatte eine angenehme Temperatur. Nach den Planeten mit Wüsten und einem mit Schnee war es eine nette Abwechslung. Nia hatte sich für den ersten Ausflug eine Leinenhose und ein Hemd übergezogen.
»Wir müssen dorthin.« Fynn deutete die Straße hinunter. »Da hat ein Händler seinen Laden. Den Mann kenne ich schon seit Jahrzehnten.«
»Klar, Paps.« Ihr Vater hatte ihr mehrmals erzählt, wie oft er bereits auf Skiltho gewesen war. Früher, vor Nias Geburt, war er angeblich ein Abenteurer gewesen: erst Wettkampfpilot, dann Vagabund und Spieler.
Vor Jahren hatte er sich einen dieser antiken Trianova-Renner in mühevoller Arbeit zusammengebaut und flog damit hin und wieder herum, nur zum Spaß. Nach jeder Spritztour schwelgte er in alten Zeiten. Langsam gingen ihr seine Geschichten auf die Nerven.
Zwei grimmig blickende Schutzgardisten in ihren glänzenden, hellgrünen Uniformen marschierten bergauf. Beide hatten Plasma-Gewehre umgeschnallt.
Reflexhaft bemühte sich Nia, eine unauffällige Miene aufzusetzen. Sie hatte zwar nichts verbrochen, aber diese Typen benötigten keinen besonderen Grund, um jemanden zu verhaften und tagelang zu verhören.
»Achtung!«, rief jemand. Nia hatte keine Warnung gebraucht, denn ihr Zukunftssinn hatte angekündigt, was passieren würde. Die Schwebepalette der Frau hatte sich selbstständig gemacht und sauste hinab. Menschen sprangen zur Seite. Andere schrien erschrocken auf. Die Schutzgardisten traten lässig an den Rand und setzten ungerührt ihren Weg fort.
Die Palette stieß gegen eine Hauswand und prallte zurück. Einige Kisten stürzten herunter. Sie drehte sich rasant um die eigene Achse und gewann an Geschwindigkeit.
Nia erweiterte die Zeitspanne ihres Zukunftssinns. Dort, wo sie stand, war es gefährlich. Sie wich mit einem Schritt aus, synchron zu ihrem Vater.
Die Palette schlug gegen die nächste Wand und verlor weitere Kisten. An Nia und Fynn sauste sie vorbei und verfehlte beide nur um Zentimeter.
»Sie wird niemanden verletzen«, bemerkte Fynn.
Nia nickte. Sie hatte die Zickzackbewegung bis zum Ende vorausgesehen. In zwanzig Sekunden würde die Transportplattform gegen einen Gemüsestand prallen, den der Händler kurz zuvor verlassen hatte.
Und genau so passierte es.
Die Besitzerin der Palette rannte fluchend an ihnen vorbei.
»Komm!« Fynn hatte sich schon wieder in Bewegung gesetzt.
Nach ein paar Schritten stürmte ein Mann auf sie zu. »Ihr seid vom Wanderjahrmarkt. Darf ich euch in meinen bescheidenen Laden bitten? Ihr werdet es nicht bereuen.« Er deutete auf eine Tür. Daneben war ein Schild mit der Aufschrift »Exoten aus drei Sektoren« angebracht.
»Bitte, junge Lady. Ich habe viele Tiere für Sie, sehr passend für Ihre Vorstellungen.« Er stellte sich Nia in den Weg.
Fynn trat dazwischen. »Verschwinde, wir haben genug Tiere.«
»Woher wissen Sie, dass wir vom Wanderjahrmarkt kommen?«, fragte Nia verdutzt.
»So etwas spricht sich schnell herum«, antwortete der Händler. Sein Gesicht war faltig und von der Sonne gegerbt. Er trug einen groben grauen Umhang, der bis zum Boden reichte.
Nia schloss die Augen und fokussierte sich auf die Zukunft. Sie betrachtete jene Alternative, in der sie den Laden betrat. Käfige mit kleinen Tieren rechts und links. Ein bunter Vogel krächzte. Am Ende des Raums gab es eine geschlossene Tür.
Sie suchte nach der Version der Zukunft, in der der Händler sie öffnete.
»Komm endlich!«, rief Fynn.
Aufgeschreckt riss sie die Augen auf. »Vielleicht ein anderes Mal«, sagte sie zu dem Händler.
»Selbstverständlich, junge Lady. Sie finden mich den ganzen Tag über in meinem Laden«, erwiderte er und machte den Weg frei.
»Du musst dich in Acht nehmen«, sagte Fynn, als sie außer Hörweite waren. »Auf Skiltho gibt es viele windige Gestalten, die einen ausnehmen wollen. Und du siehst nach einem willigen Opfer aus.«
»Warum sehe ich so aus wie ...?« Sie brach den Gedanken ab. Die Vision der Zeitlinie in der Tierhandlung beschäftigte sie noch immer. Was nur wäre hinter der Tür gewesen?
»Dort ist der Laden von Lasveragu.« Fynn eilte voran. »Den kenne ich schon ...«
»... eine Ewigkeit. Ich weiß, Paps. Du hast häufig genug davon erzählt.«
Sie erreichten das Geschäft. Schon durch das Fenster erkannte Nia, dass es im Inneren wie in einer Rumpelkammer aussah. Sie traten ein, und der erste Eindruck bestätigte sich. Der Raum war zugestellt mit Regalen. Geräte und Bauteile lagen verstreut in den Fächern und auf dem Boden. Es roch nach Öl und verschmortem Plastik.
Ein junger Mann mit Turban kam hinter einer Theke hervor und breitete die Arme aus. »Ich bin Lasveragu. Willkommen in meinem bescheidenen Geschäft für Technik aller Art.«
»Wer sind Sie? Ich meine, wo ist der andere Lasveragu?«, stammelte Fynn.
Die Miene des Händlers verfinsterte sich. »Ich fürchte, Sie sprechen von meinem Onkel.«
»Ich bin Fynn Arben. Er und ich kennen uns schon seit einer Ewigkeit. Wo ist er?« Er blickte sich um, als hoffte er, dass sein alter Freund sich irgendwo versteckt hatte.
»Leider ist er vor zwei Jahren gestorben. Ich habe seinen Laden und seinen Namen geerbt.«
Fynns Miene zeigte Bestürzung.
Nia hatte nicht versucht, den Gesprächsverlauf vorherzusehen. Nun war ihr klar, dass auch Fynn es nicht getan hatte. Ansonsten wäre er nicht so überrascht gewesen.
»Fynn Arben, sagst du?« Der junge Lasveragu lächelte. »Mein Onkel hat mir viel über dich erzählt. Du warst mal eine Berühmtheit.«
»Auch ich kenne einige Geschichten über deinen Onkel«, erwiderte Fynn stolz.
Der Händler holte eine Flasche und drei kleine Gläser hinter die Theke hervor. »Warum trinken wir nicht auf meinen Onkel, und du erzählst mir mehr von diesen Geschichten?«
Nia hatte das Gefühl, sich bemerkbar machen zu müssen. »Paps, ich möchte mir lieber die Stadt ansehen.«
Fynn wandte sich um. »Oh.« Er hatte wohl vergessen, dass sie anwesend war. »Ich hab deiner Mutter versprochen, auf dich aufzupassen.«
»Ich komm schon allein zurecht. Ich bin neunzehn – auf den meisten Planeten gilt man damit als volljährig.«
Lasveragu hatte zwei Gläser mit einer trüben Flüssigkeit gefüllt.
Fynn nahm sich eines. »In Ordnung. Aber sei bis zum Mittag wieder am Landeplatz.«
»Klar.«
»Auf deinen Onkel«, hörte sie ihren Vater noch sagen, bevor sie die Tür hinter sich zuzog.
Der Lärm der Straße schlug ihr entgegen.
Sie beschloss, weiter bergab zu gehen. Vermutlich würde sie dann zum Zentrum von Malitor kommen. Sie ließ sich eine Weile treiben und erreichte einen quadratischen Platz, der nicht zur übrigen Stadt passte. Er war edel gepflastert und sauber. Offenbar schaffte hier jemand regelmäßig den Müll weg. In der Mitte stand eine überlebensgroße Marmorstatue auf einem meterhohen Sockel. Sie stellte einen Mann dar, der in heroischer Pose eine Spitzhacke schulterte. Damit sollte wohl der erste Siedler geehrt werden, der Jahrhunderte zuvor den Planeten erschlossen hatte.
Die Skulptur wurde von zwei Hünen in der Uniform der Schutzgarde bewacht. Daneben parkte ein Schwebepanzer. Nia kannte von ihren Reisen mit dem Wanderjahrmarkt viele solcher Plätze. Sie waren eine Zurschaustellung der Macht. Eine unausgesprochene Klarstellung: Seht her, wir wachen über euch.
Bisher war Malitor nicht sehr beeindruckend gewesen. Nia schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Zukunft. Im Kopf spielte sie einige Varianten durch. Sie könnte sich an einem Imbissstand etwas holen. Die Fleischbällchen würden zwar gut schmecken, aber sie hatte keinen Hunger. Außerdem würde ihr davon später schlecht werden. In einer anderen Variante bog sie in eine Seitenstraße ein. Zwei bedrohliche Gestalten näherten sich ihr. Sofort brach sie die Betrachtung dieser Alternative ab. Sie könnte zum Landeplatz zurückkehren, doch auch ohne ihre Gabe wusste sie, dass der Tag in diesem Fall langweilig verlaufen würde.
Von den zahllosen Versionen der Zukunft drängte sich eine bestimmte auf. In dieser betrat sie die Tierhandlung und ließ sich in das Hinterzimmer führen. Aber so sehr sie sich anstrengte, sie konnte nicht erkennen, was sich hinter der Tür verbarg.
Nia rieb sich die Schläfen. Die vielen Varianten im Geist durchzuspielen, ermüdete sie. Doch sie hatte sich ohnehin längst entschieden.
Sie hastete auf dem Weg zurück, den sie gekommen war. Auf der Höhe von Lasveragus Technikladen beschleunigte sie nochmals. Ihr Vater war bestimmt noch darin und erzählte bereits zum fünften Mal dieselben Anekdoten. Nia wollte von ihm nicht entdeckt werden.
Endlich erreichte sie die Tierhandlung.
Der Besitzer schien auf sie zu warten. »Ich bin sehr erfreut, dass Sie mich beehren, junge Lady. Bitte, bitte.« Er deutete hinein.
Unsicher betrat sie das Geschäft. Es war vollgepfercht mit Käfigen, genauso wie sie es vorhergesehen hatte. Es roch streng nach Tieren, aber das war Nia gewohnt.
Langsam schritt sie eine Regalreihe ab. Einige Glasboxen enthielten Schlangen, andere faustgroße Spinnen. In einem Käfig waren Kleinnager untergebracht, vielleicht Scurrys.
Nia verharrte und hielt die Hand an das Gitter. Ein pelziges Tier dahinter erwachte aus der Lethargie. Es richtete sich auf und schnupperte an Nias Finger. Die spitze Nase bewegte der Nager dabei flink hin und her. Schließlich wandte sich das Tier ab und kauerte sich in eine Ecke.
Diese bedauernswerten Wesen. Am liebsten wollte Nia alle aufkaufen und zum Wanderjahrmarkt bringen. Zusammen mit Species, dem Tierpfleger der Truppe, würde sie bestimmt die meisten aufpäppeln können. Doch ihre Mutter Ribama würde es nicht erlauben, das war sicher.
Ein Geräusch von oben ließ Nia zusammenzucken. Ein bunter Vogel, groß wie ein ausgestreckter Arm, saß auf einer Stange. Er hatte einen imposanten orangefarbenen Schnabel. Erst bei genauerem Hinsehen erkannte sie, dass er am Fuß mit einem Draht festgebunden war.
»Snout, junge Frau«, krächzte das Tier, »Snout.«
»Was soll das bedeuten?«, fragte Nia den Händler.
Er zuckte die Schultern.
Als sie das Ende der Regalreihe erreicht hatte, hielt sie inne. »Haben Sie noch weitere Tiere?«
»Nur noch eins. Etwas ganz Besonderes. Genau das Richtige für Sie.«
»Snout«, krächzte der Vogel von hinten.
Der Händler öffnete die Tür. Automatisch schaltete sich eine Deckenleuchte flackernd an.
Ein rechtwinkliger Metallbehälter wurde sichtbar. Er hatte eine Grundfläche von etwa eineinhalb mal eineinhalb Metern, reichte Nia bis zur Hüfte und war oben offen.
Was sie darin erblickte, ließ sie erschaudern.
Es war ein verschlungenes Wesen mit einer grauen, gummiartigen Haut. Nia kannte Berichte von Meeresbewohnern mit klobigem Kopf und vielen Fangarmen, die entfernt so aussahen. Aber dieses Geschöpf war anders. Der wellige Körper ähnelte einer überdimensionalen Gribee-Frucht. An den Seiten befanden sich flache Fortsätze wie Flossen. Vorn ragte eine Art Rüssel heraus. Die Haut bewegte sich fast unmerklich auf und ab. Kam das von der Atmung? Brauchte diese Kreatur überhaupt Luft?
Das Eigenartigste war jedoch das Auge. Das Wesen hatte nur ein einziges. Es war so groß wie der Kopf eines Kindes und war nach oben gerichtet. Abgesehen von der Größe ähnelte es einem menschlichen Auge mit grüner Iris.
»Was bei allen Schwarzen Löchern ist das?«, stammelte Nia.
»Es ist einmalig. Ein Reisender hat es aus dem Voistenbiel-Cluster mitgebracht. Wir haben keinen Namen dafür.«
»Snout, junge Frau«, krächzte es aus dem anderen Raum.
»Das wäre die Attraktion auf Ihrem Jahrmarkt«, meinte der Händler.
Die Kreatur bewegte den Rüssel leicht hin und her und drehte das Auge zu ihr.
Tief im Inneren wusste Nia – dieses eigenartige Wesen war wichtig. Sie konnte nicht erklären, warum, aber sie spürte es mit jeder Faser.
»Junge Frau, Snout mitnehmen«, plapperte der Vogel.
»Was frisst es?«, fragte sie den Händler, ohne den Blick von dem riesigen Auge abzuwenden.
»Nichts. Ich habe vieles probiert, aber es hat bisher alles liegen lassen. Ich konnte nicht einmal so etwas wie einen Mund erkennen.«
Nia hatte ihren Zukunftssinn in den vergangenen Stunden mehrmals eingesetzt. Ihr wurde schmerzlich bewusst, wie ausgelaugt sie war. Doch ein einziges Mal noch würde sie ihn unbedingt brauchen. Sie kratzte das letzte bisschen mentaler Energie zusammen und ging den Verlauf der nächsten Minute im Geist durch: Angebote und Gegenangebote in vielen Modifikationen. Da fand sie den günstigsten Ablauf – der Händler musste die Initiative ergreifen.
Sie wandte sich ihm zu. »Ich hab keine Verwendung für dieses Ding.«
»Es kostet nur tausend Kredite.«
Sie tat, als würde sie nachdenken. Sorgfältig maß sie die Pause ab. »Es ist niemals mehr wert als sechshundert«, meinte sie schließlich und versuchte, Entschlossenheit auszustrahlen.
Der Händler wirkte beleidigt. »Ich habe fünf hungrige Kinder und eine Frau. Achthundert.«
»Siebenhundert«, erwiderte Nia selbstbewusst. »Mein letztes Wort. Und ich bekomme den Vogel dazu.«
»Sie ruinieren mich. Meine Frau wird mir die Hölle heißmachen.« Zuerst zeigte seine Miene übertriebenes Entsetzen. Dann lächelte er und hielt ihr die Hand hin.
Nia schlug ein. Unmittelbar darauf wurde das Gefühl des Triumphs von Sorge getrübt. Ihre Mutter würde nie akzeptieren, dass sie schon wieder zwei neue Lebensformen anschleppte.
2 · Die beste Gehilfin
Nia wartete ungeduldig. Die Sonne stand knapp über dem Horizont. In einer Stunde würde es auf Skiltho finster sein. Wo nur blieb der Händler?
Mit ihm hatte Nia vereinbart, die Tiere an das Triebwerksende des Großraumschiffs zu bringen. Der zentrale Platz des Jahrmarkts lag traditionell am Kopf des Schiffs und war damit etwa einen halben Kilometer weit weg. Wahrscheinlich würde sich niemand zur Antriebsseite verirren.
Nia betrachtete die gigantische Maschinerie über sich. Schon immer war sie von den haushohen Röhren beeindruckt. Das war der Antrieb für den Überlichtflug. Oder war das für den Aufstieg aus der Atmosphäre? Nia hatte es vergessen.
Ein leises Surren ertönte aus Richtung der Stadt. Nia wandte sich um und erblickte einen winzigen schwebenden Punkt über dem Boden, umgeben von aufgewirbeltem Staub. Sie kniff die Augen zusammen: Es war ein Hoverbike mit Anhänger. Es näherte sich schnell. Hinter dem Vehikel schwebte eine Palette mit einem quaderförmigen Behälter darauf. Der Fahrer des Bikes trug einen grauen Umhang – das musste der Tierhändler sein. Endlich!
Abrupt brachte er das Gespann knapp vor Nia zum Stillstand. Er hatte sie offensichtlich mit seinem rasanten Bremsmanöver erschrecken wollen. Sie hatte aber vorhergesehen, dass keine Gefahr bestanden hatte.
Er stieg ab.
»Sie sind spät dran«, meinte sie.
»Ich habe die Lieferung, junge Lady.« Er grinste.
Sie schaute über den Rand in den Behälter. Obwohl sie wusste, was sie erwartete, erschrak sie wieder. Das riesige Auge starrte sie an. Die graue Gummihaut bewegte sich leicht auf und ab. Der Rüssel wand sich wie eine gigantische Schlange.
Nia konnte kaum den Blick abwenden.
»Snout, junge Frau«, krächzte es von der Seite.
Der bunte Vogel mit dem orangefarbenen Schnabel saß neben dem Behälter, an einem Bein mit Draht festgebunden. Nia wickelte vorsichtig die Fesselung ab. »Hat der garstige Mann dich angeleint, armer Freund.«
Der Vogel ließ es ruhig geschehen. Nachdem er befreit war, breitete er die Flügel aus, als würde er sich strecken. Nia war von der Spannweite von mindestens zwei Armlängen beeindruckt.
Das Tier flatterte auf ihre Schulter. Mit dem Schnabel piekste es sie sanft ins Haar. Instinktiv zog sie den Kopf ein. Schließlich ließ der Vogel sie in Ruhe, blieb aber auf ihrer Schulter sitzen.
»Sie können gut mit Tieren umgehen. Sie werden mit der Lieferung zufrieden sein«, meinte der Händler. »Was mich zu einem unangenehmen Punkt bringt.« Er faltete die Hände.
»Und der wäre?«
»Siebenhundert reichen nicht. Immerhin habe ich die Kreaturen hierherbefördert. Außerdem müssen wir noch mal über den Vogel reden – ich kann ihn nicht ohne zusätzliches Geld abgeben.«
Verdammt, dieser Schuft. Er hatte wohl registriert, dass sie den Vogel sofort ins Herz geschlossen hatte.
Nia hatte am Morgen zweihundert Kredite angezahlt und nun fünfhundert in Pentaniummünzen dabei. Das waren fast ihre gesamten Ersparnisse. »Wie viel?«, fragte sie gereizt.
»Achthundert.« Er lächelte unterwürfig.
Nia überlegte angestrengt. Ihr Zukunftssinn war weit davon entfernt, sich wieder regeneriert zu haben. Dazu brauchte sie mindestens eine Nacht mit erholsamem Schlaf. Diese Situation musste sie ohne ihre Superkraft überstehen – wie ein normaler Mensch.
»Ich kam nicht umhin, festzustellen, dass einige der Tiere, die ich heute in Ihrem Laden gesehen habe, durch das Artenschutzabkommen von Coveanis geschützt sind. Der Handel mit ihnen ist verboten. Was wäre, wenn ich die Schutzgarde auf Sie ansetze?« Sie stemmte die Arme in die Hüften.
»Coveanis ist weit weg und die Behörden auf Skiltho sind bestechlich. Die haben sogar meinen Cousin als Gardisten genommen. Ich habe nichts zu befürchten.«
Das war zu erwarten gewesen. Also musste sie den Druck erhöhen. Unvermittelt erinnerte sie sich an Tante Schaanie. »Wie der Zufall es will, ist meine Patentante eine Agentin des Sicherheitscorps von Tellas. Sie kommt morgen zu Besuch.« Das war nur die halbe Wahrheit, aber ihre Stimme blieb fest. Sie hatte Tante Schaanie seit Jahren nicht gesehen und kein Treffen geplant.
Sie fixierte den Händler mit ernstem Blick und glaubte, Unsicherheit zu erkennen.
Seine Miene verfinsterte sich. Dann streckte er die Hand aus.
Nia übergab den Beutel mit den Münzen.
Ohne ein weiteres Wort ging der Mann zu seinem Hoverbike und drückte auf einen Knopf am Heck. Damit war offensichtlich die Energiekupplung abgeschaltet worden, denn die Palette schwebte gemächlich davon. Der Händler stieg auf. Mit aufheulendem Motor flog er los.
Nia sprang hinter die Palette und stemmte sich mit aller Kraft dagegen, bis die Bewegung stoppte.
Der Vogel flatterte zum Boden. Er schaute beleidigt. Unvermittelt stocherte er im Grund.
»Komm zurück«, rief Nia und klopfte sich auf die Schulter. Sie musste sich irgendwann einen Namen für das Tier einfallen lassen. Aber vielleicht hatte es schon einen.
Der Vogel machte ein paar unbeholfene Schritte auf Nia zu und flog zurück auf ihre Schulter.
»Wie heißt du?« Sie musterte ihn.
Das Tier piekste Nia erneut sanft ins Haar, ehe es ihren Blick erwiderte. »Snout Name Snout. Flugtier Name Pajaro.«
Was sollte das schon wieder bedeuten? Dieser Vogel konnte zwar sprechen, doch was er sagte, war verwirrend. »Bist du das Flugtier? Pajaro?«
Wieder machte er sich an ihrem Haar zu schaffen.
Sie zuckte mit den Schultern und schob die Schwebepalette an. Es wurde allmählich dunkel und sie brauchte noch etwas Licht für das, was sie vorhatte.
Nia schaute in den Behälter. Der Kreatur schien es gut zu gehen, soweit sie das beurteilen konnte. Aber wenn sie es recht bedachte, hatte sie keine Ahnung. Das große Auge starrte teilnahmslos nach oben, der Körper bewegte sich weiterhin, als würde das Wesen atmen.
Einmal in Schwung gebracht, ließ sich die Palette leicht in die gewünschte Richtung steuern. Nach einigen Minuten erreichte Nia das Gehege.
Verstohlen sah sie sich um. Der zentrale Rummelplatz war zwar in Sichtweite, doch wenn niemand direkt hierherschaute, würde keiner etwas mitbekommen.
Routiniert öffnete sie das Gatter. Sie schob die Palette ins Gehege und schloss das Tor hinter sich.
Sofort trabten drei Muatapis auf sie zu.
»Tut mir leid, ich kann mich gerade nicht um euch kümmern«, rief sie in Richtung der fünfbeinigen, grauen Tiere. Keuchend schob sie ihre Fracht erneut an.
Als hätten die Muatapis verstanden, dass es weder Futter noch Streicheleinheiten geben würde, machten sie kehrt und verteilten sich.
Wenige Meter entfernt stand das Stallmodul – ihr Ziel. Eigentlich sollten die Muatapis darin übernachten, aber auf Skiltho waren die Nächte recht warm. Sie würden es nicht allzu sehr bedauern, ausquartiert worden zu sein.
Nia berührte eine Platte an der Modulwand und die Stalltür glitt zischend zur Seite. Noch einmal schob sie die Schwebepalette kräftig an und bugsierte sie endlich in das Stallmodul. Automatisch schaltete sich ein Deckenlicht ein und erleuchtete eine Reihe von Boxen, die über einen Gang miteinander verbunden waren.
Sie deaktivierte das Hover-Aggregat und der Behälter mit der Kreatur sank sanft zu Boden.
»So, das wird erst einmal euer Heim sein«, erklärte sie dem Vogel, der immer noch auf ihrer Schulter hockte. »Ich hoffe, das ist okay für dich?«
»Snout dankbar«, krächzte Pajaro.
Behutsam nahm sie den Vogel herunter und setzte ihn auf eine Holzstange, die sie auf ein Metallstativ montiert hatte. »Hier – ich hab Körner für dich besorgt.« Sie stellte einen mit Getreide gefüllten Eimer vor ihn hin und wandte sich zum Wesen im Behälter. »Leider weiß ich noch nicht, was du fressen möchtest. Ich hoffe, der Händler hat recht, und du bist wirklich nicht hungrig.«
»Nia, bist du da drin?«, rief jemand von draußen.
Verdammt, das war Species – der Tierpfleger des Wanderjahrmarkts. Sofort löschte sie das Licht, huschte durch den Personenzugang hinaus und schloss die Tür hinter sich.
»Ja, ich bin’s«, antwortete sie. Es war schon beinahe Nacht. Erst nach einigen Sekunden hatten sich ihre Augen an das spärliche Licht gewöhnt. Species’ Silhouette zeichnete sich vor ihr ab. Nia hatte das Gefühl, ihre späte Anwesenheit erklären zu müssen. »Ich hab noch mal nach den Muatapis gesehen.«
Species blieb vor ihr stehen und lächelte. »Du bist wirklich die beste Gehilfin, die ich je hatte. Ich hab nie geglaubt, dass es einmal jemanden gibt, dem die Viecher mehr am Herzen liegen als mir.«
Nia fühlte sich miserabel, weil sie ihn angelogen hatte. Natürlich waren ihr alle Tiere wichtig, aber an diesem Abend ging es nur um die beiden neuen. Und Species durfte sie nicht entdecken, zumindest nicht so schnell. Er würde sofort zu Ribama rennen.
Sie zeichnete mit einer Handbewegung das Gehege nach. »Ich lasse die Muatapis draußen schlafen – es ist warm genug.«
Species drehte sich zu den Tieren. Einige hatten sich schon hingelegt. Er nickte.
Ein leises Geräusch kam aus dem Stall. Vermutlich war es Pajaros Flügelschlag. Kaum zu hören, aber Species blickte sich erstaunt um. »Was war das?«
»Äh, nichts. Wahrscheinlich ist etwas umgefallen.« Ihre spontane Erklärung klang selbst in ihren Ohren nicht glaubwürdig. »Ich überprüfe das sofort. Warum gehst du nicht zu den anderen und lässt mich aufräumen?«
Stattdessen öffnete Species die Tür des Moduls und ging hinein.
Nia wusste, was passieren würde. Sie schaute nicht einmal hin.
Ein Schrei puren Entsetzens gellte aus dem Stall. Species stürzte ins Freie. »Da drin ...« Er deutete nach Atem ringend hinein. »Da drin ist ein Monster!«
»Ich weiß«, antwortete sie resigniert.
© J. R. Tarson – Nur zur Ansicht. Keine Vervielfältigung. jrtarson.de